Wir Walliser bitten nicht!    

Wir sind eigensinnig, ungehobelt und scheren uns wenig darum, was die anderen Eidgenossen von uns denken. Damit haben es die Walliser allerdings sehr weit gebracht. Hand aufs Herz: Wir sind zuerst und vor allem Walliser - aber halt auch noch ein wenig Schweizer. Als italienische Provinz oder als französisches Département hätten wir den nationalen Cup-Final oder den Landesmeistertitel im Fußball nie und nimmer gewonnen, wie das der FC Sion 1997 sogar im Double schaffte. Es stimmt, was der Rest der Schweiz sagt: Das Wallis ist eigen.

Der Kanton kam spät zur Eidgenossenschaft, und er befand sich 1815, unmittelbar nach der napoleonischen Zwangsherrschaft, in keinem guten Zustand. Um die Einbettung in den schweizerischen Bundesstaat blieb es lange Zeit schlecht bestellt. Denn das Durchgangsland im Tal der Rhone hatte während Jahrhunderten gegen Norden gekämpft, mit den südlichen und westlichen Nachbarn auf der Achse Mailand - Lyon aber schwungvollen Handel getrieben.

Die Folgen sind noch heute spürbar: Anliegen gegenüber dem Bund werden hart vorgetragen; das Wallis und die Walliser fordern oft; sie bitten nie. Trotz häufiger Tritte ans Schienbein von "Mutter Helvetia" kam separatistisches Denken aber nie über den Stellenwert von politischen Scherzartikeln hinaus.

Was prägt unseren Kanton? Diese karge Steppenlandschaft an den Südhängen, der Stolz auf den eigenen Wein, die leidenschaftliche und doch verhaltene Jagd auf die Gämse, das Verwirrspiel der Kunstfliege mit den Forellen der wilden Bergbäche. Stundenlang und wie gebannt erliegen Walliser auf der Alp und in den Arenen des Tales der Faszination der Rangordnungskämpfe der rauflustigen schwarzbraunen Eringer Kühe, die als Gegenentwurf zur braven Milka-Kuh nur überlebt haben, weil sie sich mit den Fechtkünsten ihrer Hörner und ihrer Courage einen Platz im Herz der Menschen erobert haben.

Das Wallis, mein Wallis, ist leidenschaftlich und doch sanft, aufbegehrend und dann wieder von leiser Melancholie wie die Gedichte Rilkes, der auf der Südseite der Burgkirche von Raron begraben liegt. Lange haben wir die Vorurteile unserer Eidgenossen, nach denen wir Walliser ein Völklein von Rüpeln und unverfrorenen Subventionsheischern und heimlichfeisten Weinpanschern wären, mit kollektiven Minderwertigkeitsgefühlen quittiert. Inzwischen sind die Vorzeichen ins Gegenteil verkehrt: Manchen Touristen dämmert beim Gang durch die fein herausgeputzten Dorfschaften, dass dank guter Ausbildung, ererbtem Grund und Boden und emsiger Freizeit- und Eigenarbeit manche der Einheimischen weit besser leben als sie selbst.

Mag sein, dass der Walliser nicht dem Idealbild der Tourismusindustrie entspricht. Denn er ist meist zurückhaltend, nicht selten gar abweisend gegenüber dem Gast. Aber wer geduldig ist und behutsam, wer mit ihm dann ein Glas oder zwei des herben Fendant getrunken hat, der wird Menschen erleben, für die Gastlichkeit ohne Berechnung eine Selbstverständlichkeit ist.

Der Walliser ist eigenwillig bis zum Eigensinn. Das hat ihm in der übrigen Schweiz den Ruf eingebracht, nicht eben pflegeleicht, ja ungehobelt zu sein. Und regelmässig treibt die nationalen Medien die Frage um, ob denn der Walliser gar zu grob sei und dem Rest der Schweiz unzumutbar. Das möge so sein, lautet schliesslich der Befund - aber seine Barschheit gereiche ihm eigentlich zur Würde und zeuge von ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Das hört der Walliser gern. Denn er versteht sich durchaus als Ausnahmeerscheinung in einer Schweiz, die zumindest nördlich der mächtigen Alpenketten uniform und weitgehend austauschbar geworden ist. Das Land ist über Nacht vom Barock zu einem modernen Industrie-, Tourismus- und Dienstleistungskanton der Schweiz aufgerückt. Die Walliser Landwirtschaft ist kaum mehr bedeutend; doch sie besorgt über die Landschaftspflege die Kulissenschieberei für den Tourismus.

Für die Flegeljahre einer schneeblinden touristischen Bauwut hat das Land einen hohen Preis gezahlt: Einzelne Bergstädte wetteifern an Hässlichkeit mit Zürcher Vororten; radikalplanierte Pistenlandschaften wirken wie zu stark geliftete Gesichter. Nun ist Umkehr auszumachen, man merkt allmählich, was man angerichtet hat, und tut sein Bestes, die alten Fehler zu vermeiden. Dank der wirtschaftlichen Stärke treten die Einwohner des eben noch mausarmen Südwestkantons selbstbewusst auf.

Das Wallis ist immerhin der zweitwichtigste Pharma-Standort der Schweiz nach Basel. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für den Wert der eigenen Ressourcen: Das Wallis produziert ein Viertel des landesweit aus Wasserkraft gewonnenen Stroms. Viele der Kraftwerke gehen bald zum Nulltarif an die Gemeinden und an den Kanton zurück. Das hatten sie sich als Eigentümer der Wasserkraft ausbedungen, als sie im frühen 20. Jahrhundert zu arm waren, um diese schier unversiegbaren Energiequellen aus eigener Kraft zu erschließen. Ab 2030 laufen die Konzessionsverträge aus.

Und dann ist da noch der Tourismus: Orte wie Zermatt haben innerhalb weniger Jahre fast eine Viertelmilliarde Franken allein in die Modernisierung der hochrentablen Bergbahnen gesteckt. Solche finanziellen Kraftakte sind nur möglich, weil hinter den Bahnunternehmen am Fuße des Matterhorns rund hundert Familienhotels die Gäste verwöhnen und damit die Grundlage für einen wirtschaftlich tragfähigen Tourismus bilden.


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